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Am 3. September 2019 haben sich Bernhard Fulda, einer der Kuratoren der aktuellen Emil Nolde-Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin, und Günter Berg, Lektor und Vertrauter von Siegfried Lenz, zu einem Gespräch getroffen. Das Kuratorengespräch beschäftigte sich mit der Frage nach Rolle der Kunst bei der Aufarbeitung historischer Schuld.

Das Gespräch, das Renate Meinhof von der Süddeutschen Zeitung moderierte, versuchte differenziert die Rezeptionsgeschichte des Werks Emil Noldes zu diskutierten, um die Frage zu beantworten, inwiefern „Die Deutschstunde“ von Siegfried Lenz es versäumt habe, auf den Antisemitismus und die Begeisterung für den Nationalsozialismus von Emil Nolde hinzuweisen, der wiederum die Figur des Malers in Lenz Romans inspiriert hat. Hat Siegfried Lenz ein falsches und verharmlosendes Bild des Malers Emil Noldes befördert?

Das Gespräch zwischen Bernhard Fulda und Günter Berg zeigte, wie schwierig das Verhältnis von Kunst und Politik, Kunst und Macht zu fassen ist. Und doch wieder ist es auch ganz einfach: Kunst, ob Malerei oder Literatur, ist zunächst nichts weiter als Kunst. So zeigen die Gemälde Noldes atemberaubende expressive Ansichten norddeutscher Landschaften und Porträts seiner Zeitgenossen. Und ebenso ist Siegfried Lenz „Deutschstunde“ einer der großen Romane des 20. Jahrhunderts und ein Künstlerroman, der sich mit der Figur eines Malers zur Zeit des Nationalsozialismus auseinandersetzt, die von Emil Nolde inspiriert wurde, aber nicht Emil Nolde ist. Im Leben Emil Noldes fand Siegfried Lenz jedoch einen entscheidenden Grundkonflikt, den zu gestalten Lenz sich vornahm. Kunst aber – und das ist ihr höchstes Gut – ist frei.

Im Laufe der Jahrhunderte haben sich Gesellschaften immer wieder der Kunst bemächtigt, um Ideologien durchzusetzen, haben ihr ihre Freiheit genommen. Die Auseinandersetzung auf dem Podium hat verdeutlicht, dass es heute nicht darum gehen kann, der Kunst erneut ihre Freiheit zu nehmen, das zu sein, was sie ist: Kunst. Das bedeutet nicht, dass Kunst nicht ein Verantwortungsbewusstsein inne hat, mit dem es sich zu Politik und Geschichte verhalten kann. Es bedeutet aber auch nicht, dass sie dafür verantwortlich ist zu leisten, was an ganz anderer Stelle versäumt wurde: Die Aufarbeitung historischer Schuld wie sie sich zahlreiche Deutsche im Zweiten Weltkrieg aufgeladen haben.

Es ist doch erstaunlich, dass Emil Nolde selbst seinen persönlichen Antisemitismus und Nationalsozialismus nach seinem Ausschluss aus der Berliner Secession, der ihn zutiefst getroffen hat, inszeniert und offen ausgesprochen hat. Schon viel früher und viel später, in den Jahrzehnten seit der Veröffentlichung von Lenz‘ „Deutschstunde“ 1968, wären der Anhaltspunkte genug gewesen, sich mit der moralischen Biografie Emil Noldes zu beschäftigten und sich ein Bild von diesem Künstler zu machen. Ebenso differenziert sollten wir es auch mit Siegfried Lenz halten. Vielleicht würde es uns dann leichter fallen zu erkennen, dass der Roman von Siegfried Lenz kein Abbild der historischen Geschichte ist, sondern die Erzählung einer fiktiven Geschichte, der Geschichte eines Malers, aber auch der Geschichte eines Vater-Sohn-Konflikts, einer Landschaft und einer bestimmten Zeit.

Statt das eigene Versäumnis der Kunst als Schuld aufzuladen, sollten wir nicht aufhören von der Kunst zu lernen, wie weit der Himmel sein kann und wie schwierig es ist, zwischen Pflicht und individueller Verantwortung zu entscheiden. Dabei können wir immer wieder Neues entdecken. Bleiben Sie neugierig!

https://www.smb.museum/veranstaltungen/detail/nolde-und-siegfried-lenz-deutschstunde-eine-spurensuche-kuratorengespraech-mit-guenter-berg-siegfr.html?tx_smb_pi1%5BbackPid%5D=52

Die Ausstellung „Emil Nolde – Eine deutsche Legende. Der Künstler im Nationalsozialismus“ im Hamburger Bahnhof in Berlin geht noch bis zum 15. September 2019.

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